Die Geschichte der O

Die Geschichte der O

In Paris erschien 1954 die Geschichte der O. Dass die Frau hinter dem Pseudonym Paulien Réage, Redakteurin bei der Nouvelle Revue Francaise war, wissen wir erst seit 1994. Für ein Buch, das sich mit Unterwerfung, Züchtigung und anderen extremen Spielarten sexueller Lust beschäftigt, hat die Kritik der Geschichte der O nicht nur erstaunlich viel Aufmerksamkeit, sondern auch großes Lob zukommen lassen. Vor allem ist es der eleganten, kühlen Prosa zu verdanken, die den Roman dem Vorwurf der Pornographie enthebt.

Der Unbekannte, den sie noch immer nicht anzusehen wagte, ließ seine Hand über ihre Brüste und an den Lenden entlang gleiten und sagte, sie solle die Beine öffnen. „Gehorche,“ sagte Rene zu ihr. Sie stand aufrecht, mit dem Rücken an Rene gelehnt, der ebenfalls stand. Seine rechte Hand streichelte ihre Brust, die linke hielt sie an der Schulter fest.
Der Unbekannte hatte sich auf den Bettrand gesetzt. Er hatte die Lippen ergriffen, die den Eingang ihres Schoßes schützten, und sie langsam auseinandergezogen. Als Rene sah, was der andere von O wollte, schob er sie nach vorn und sein rechter Arm legte sich um ihre Taille, packte sie fester. Dieser Liebkosung, die sie nie hinnahm, ohne sich zu wehren und ohne Scham zu empfinden, der sie sich immer so schnell wie möglich entzog, so schnell, dass Sie kaum davon berührt wurde, die ihr als Sakrileg erschien ? denn es erschien ihr als Sakrileg, dass ihr Geliebter vor ihr kniete, während doch sie vor ihm knien sollte – dieser Liebkosung, das spürte sie plötzlich, würde sie sich jetzt nicht verschließen können, und sie sah sich verloren.
Denn sie stöhnte, als die fremden Lippen sich auf das schwellende Fleisch pressten, an den Rand des Kelches und sie jäh entflammten, sich dann nur lösten, damit die warme Zunge sie noch heftiger entflammen konnte. Sie fühlte die verborgene Spitze hart und steif werden unter einem langen, saugenden Biss der Zähne und Lippen, einem langen und sanften Biss, unter dem sie keuchte. Ihr Fuß glitt aus, sie fand sich wieder auf dem Rücken ausgestreckt, Renes Mund auf ihrem Mund, seine beiden Hände pressten ihre Schultern aufs Bett, während zwei andere Hände ihre Beine öffneten und hochhoben.

Ihre eigenen Hände, die unter ihren Lenden lagen (als René sie auf den Unbekannten zuschob, hatte er ihre Handgelenke gefesselt, indem er die Ringe der Armbänder ineinander schob), wurden vom Geschlecht des Mannes gestreift, das sich zwischen ihren Schenkeln rieb, hochglitt und plötzlich in die Tiefe ihres Schoßes stieß. Beim ersten Stoß schrie sie wie unter der Peitsche, dann bei jedem Stoß, und ihr Geliebter grub die Zähne in ihre Lippen.
Mit einer brüsken Bewegung riss der Mann sich aus ihr, fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden und schrie, auch er. René band 0 die Hände los, richtete sie auf und ließ sie unter die Decke schlüpfen. Der Mann stand auf, René ging mit ihm zur Tür. Blitzartig sah 0 sich verworfen, vernichtet, verdammt. Sie hatte unter den Lippen des Fremden gestöhnt, wie ihr Geliebter sie niemals stöhnen gehört hatte, geschrieen unter dem zustoßenden Glied des Fremden, wie sie bei ihrem Geliebten nie geschrieen hatte. Sie war entwürdigt und hatte Strafe verdient. Wenn er sie verließe, wäre das nur gerecht. Aber nein, die Tür schloss sich, er blieb bei ihr, kam zu ihr, legte sich an ihrer Seite unter die Decke glitt in ihren feuchten und brennenden Schoß, hielt sie in dieser Umarmung fest und sagte: „Ich liebe dich.“

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